Zähmung eines widerspenstigen Teigs
Teilnehmer des Kochkurses "Vegetarisch für Feinschmecker" lernen unter professioneller Anleitung neue Gerichte kennenBeim Betreten des Raumes steigt der Geruch von frischen Kräutern, angebratenen Zwiebeln und unzähligen Gewürzen in die Nase. Klapperndes Geschirr und fröhliche Gespräche bilden die Geräuschkulisse und an jeder Ecke dampft und zischt es. An vier Kochstationen schneiden, raspeln, braten und würzen 16 Teilnehmer des Kochkurses "Vegetarisch für Feinschmecker" um die Wette. Immerhin sollen in den kommenden zweieinhalb Stunden insgesamt 13 Gerichte gekocht und anschließend bei einem gemeinsamen Abendessen probiert werden.
"Ich erwarte mir von dem Abend kulinarische Inspiration und möchte neue Geschmacksrichtungen und Rezepte kennenlernen", erklärt Klaus Sandrock vor Beginn der Veranstaltung. Der Soziologe nimmt gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Informatikerin Petra Kraus, am Kochkurs der Volksbildungsstätte Schierstein und des Catering- und Veranstaltungsservice "tegut...bankett" teil. Nach der Aufteilung in verschiedene Kochteams sind die beiden für die Zubereitung von Rotkohlrouladen mit Champignon-Bulgur-Füllung zuständig.
Einen Herd weiter blickt Edith Henss-Sperl fragend in die vor ihr stehende Schüssel und schaut hilfesuchend in die Runde. "Irgendwie ist der Teig zu dünn", wundert sich die Hobbyköchin und rührt unschlüssig in der flüssigen Blinis-Masse. Kurzerhand übernimmt Teamkollege Manfred Jennewein den Kochlöffel und schüttet einfach eine ordentliche Portion Mehl nach, um den Teig dickflüssiger werden zu lassen. Edith Henss-Sperl und Jennewein hatten sich spontan zusammengetan und kümmern sich nun gemeinsam um Blinis mit vegetarischem Kaviar und Schnittlauchcreme.
Im Vorbeigehen segnet die gelernte Köchin und Veranstaltungsleiterin bei "tegut...bankett", Annett Linke, den Blinis-Teig ab, um sich anschließend Antonia Struth zu widmen, die gerade dabei ist, Kartoffel-Hafer-Klöße zu rollen. "Versuchen Sie mal, die Knödel nicht mithilfe von Mehl, sondern mit angefeuchteten Händen zu formen", empfiehlt Linke. Und tatsächlich, die kleinen Hafer-Kugeln lassen sich auf diese Weise schneller rollen und werden gleichmäßig rund. Struth ist begeistert - genau wegen solcher Tipps hatte sie sich zum Kochkurs angemeldet. "Nur nach Rezept kochen bringt gar nichts", ist die 69-Jährige überzeugt. Erst unter professioneller Anleitung könne man die wichtigen Feinheiten erlernen.
"Die Teilnehmer unserer Kochkurse suchen bewusst nach einer Gelegenheit, neue Dinge auszuprobieren", bestätigt Elisabeth H. Freund, Geschäftsführerin der Volksbildungsstätte. Außerdem gehe es darum, in der Gemeinschaft Spaß zu haben. Es sei sogar schon vorgekommen, dass Teilnehmer eines Kurses in Kontakt blieben, um weiterhin gemeinsam zu kochen.
Neu kennengelernt an diesem Abend haben sich auch Antonia Struth und Karla Lankeit. Gemeinsam bereiten die beiden Frauen Kartoffel-Hafer- Knödel mit Trockenobstsauce zu. Während Struth damit beschäftigt ist, die Klöße zu rollen, kümmert sich Lankeit um die Trockenobstsauce. Dazu werden über Nacht in Apfelsaft und Wasser eingelegte Pflaumen und Aprikosen zusammen mit der Einweichflüssigkeit und einer Zimtstange zum Kochen gebracht. Der Geruch der süßen Früchte steigt angenehm aus dem Kochtopf empor. Wie viele andere Teilnehmer auch ist Lankeit keine Vegetarierin, isst jedoch sehr gerne fleischlos und möchte lernen, wie man sich gleichzeitig vegetarisch und vollwertig ernähren kann.
Heike Frohne aus der Spitzkohlrouladen-Gruppe ernährt sich bereits seit vielen Jahren hauptsächlich vegetarisch und besucht den Kochkurs, um neue Rezepte und Produkte kennenzulernen. "Kohlblätter zwei Minuten im kochenden Salzwasser blanchieren, abschrecken und danach trocken tupfen", liest die 38-Jährige im Rezept nach. "Das Abschrecken dient dazu, dass das Gemüse seine schöne grüne Farbe behält", erklärt Köchin Linke, während sie den vor sich hin köchelnden Couscous kontrolliert, der den Kohlblättern später als Füllung dienen soll. Teilnehmerin Frohne, die oft und gerne zu Hause kocht, schneidet derweil Karotten in feine Streifen und erzählt von ihren beiden Töchtern, sechs und drei Jahre alt, die selbst bereits mit großer Freude in der Küche mithelfen. Überhaupt tauschen sich die Teilnehmer untereinander rege aus, ob man sich vorher kannte oder nicht - das Thema Kochen verbindet eben.
Derweil haben Edith Henss-Sperl und Manfred Jennewein ganz andere Probleme. Der zuvor noch zu flüssige Teig scheint mittlerweile zusehends dicker und klebriger zu werden. Ob die Masse so noch ausgebacken werden kann? "Der Teig hat einfach ein Eigenleben entwickelt, es liegt nicht mehr in unserer Hand", meint Jennewein scherzend und erntet einen liebevoll-ironischen Blick von seiner Frau Uta, die einer anderen Gruppe dabei hilft, die blanchierten und ausgehöhlten Zwiebeln mit Ziegenkäse zu füllen. Doch schließlich ist der große Moment gekommen: Der widerspenstige Blinis-Teig wird in kleinen Portionen in die Pfanne mit heißem Rapsöl gegeben und lässt sich tatsächlich zähmen und einwandfrei ausbacken.
Am Ende können Henss-Sperl und Jennewein zwei große Teller voll mit kleinen, runden Blinis mit Schnittlauchcreme und vegetarischem Kaviar in das Esszimmer tragen. "Mmhhh - und die schmecken auch noch", freut sich Jennewein später bei Tisch. Und auch die anderen Teilnehmer sind von ihren Kochkünsten und dem Verlauf des Kurses begeistert. "Ein rundum gelungener Abend", schwärmt Antonia Struth. Und auch das wichtigste Kriterium ist erfüllt: Es schmeckt ausgezeichnet.

Vom 28.08.2008
SchiersteinVon
Christina Eickhorn


